Buchvorstellung: Liebe am Papierrand

Liebe am PapierrandLiebe am Papierrand

Yoko Ogawa

255 Seiten

Aufbau Taschenbuch Verlag

ISBN: 978-3-7466-3123-3

 

Die namenlose junge Erzählerin leidet kurz nach der Trennung von ihrem Ehemann an einem plötzlichen Ohrenleiden. Nach ihrem Klinikaufenthalt wird sie zu einer Gesprächsrunde zu diesem Thema in ein nahe der Klinik gelegenes Hotel eingeladen. Dort gerät sie in den Bann der Finger eines anwesenden Stenographen und wird in eine ganz eigene Welt entführt.

Ich denke, über den Inhalt kann man gar nicht so viel sagen, ohne alles vorweg zu nehmen und doch würde es nicht ausreichen um dem Buch wirklich gerecht zu werden. Der Roman ist einer von der sehr stillen Sorte. An vielen Stellen ist er verwirrend, abstrakt und auf unterschiedliche Weise auslegbar. Es verschwimmen Realität und Gegenwart so stark miteinander, dass es sehr schwer fällt diese auseinander halten zu können. Aber das ist eigentlich auch nicht unbedingt notwendig. Die Geschichte gibt Anlass noch sehr lange nach dem Beenden des Buches darüber nachzudenken und zu grübeln. Besonders charakteristisch ist die Stimmung und Sprache. Die Stimmung ruhig und gedämpft, die Sprache kann man von poetisch bis sanft und klangvoll beschreiben. Ich denke, man muss diese Art Geschichten mögen, um hiermit etwas anfangen zu können. Für mich hat dieser Roman etwas typisch Japanisches, es wirkt auf eine Art abweisend und unerreichbar und auf der anderen fesselt er mich und zieht mich in sich hinein. Es klingt stets ein melancholischer Unterton mit und doch drückt er auch gleichzeitig ein Gefühl der Zärtlichkeit aus.

Jedem der diese Art Romane mag, kann ich „Liebe am Papierrand“ nur empfehlen.

fünf

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Buchvorstellung: Der japanische Liebhaber

Der japanische LiebhaberDer japanische Liebhaber

Isabel Allende

336 Seiten

Suhrkamp Verlag

ISBN: 978-3-518-42496-4

 

Der japanische Liebhaber erzählt die Lebensgeschichte der Alma Mendel, die als junge Jüdin in Polen lebend von ihren Eltern nach San Francisco zu ihrer Tante und ihrem Onkel Belasco geschickt wird, um dort dem Zweiten Weltkrieg zu entfliehen. Sehr schnell baut Alma bereits eine enge Beziehung sowohl zu ihrem Cousin Nathaniel als auch zu dem Gärtnersohn Ichimei auf.
Der japanische Liebhaber startet bereits mit einem interessanten Aufbau und beginnt zunächst in der Gegenwart mit der Erzählung der alten Alma Belasco. Diese zieht entgegen dem Willen ihrer Familie, in die Seniorenresidenz Lark House ein. Aufgrund ihres gesellschaftlichen Status und ihrem hohen Ansehen, stellt die alte Dame schon bald darauf die Altenpflegerin Irina als ihre persönliche Assistentin ein. Neugierig bezüglich der geheimnisvollen Kurzausflüge, die die alte Dame immer mal wieder unternimmt und der mysteriösen Briefe, die Alma erhält, versuchen Irina und ihr Enkel Seth hinter Almas Geheimnis zu kommen. Kann sich dahinter vielleicht eine heimliche Affäre erahnen?

Die fesselnsten Momente in diesem Buch waren für mich die Kapitel, in denen die alte Alma mit ihrer Reisetasche für ein paar Tage verschwindet und Irina und Seth herauszufinden versuchen, was sie in dieser Zeit wohl macht, um Almas Geheimnis zu lüften. Alma hat mir als alte Frau sehr gut gefallen. Die Art und Weise wie sie zu Beginn in Lark House einzog, fand ich sehr amüsierend, da Alma doch nicht so orthodox wirkte, wie es ihre Familie gerne hätte. So ist es ihr auch egal, was die Leute von ihr und ihrer Familie denken und macht einfach ihr Ding. In den Rückblenden finde ich die Alma in jungen Jahren jedoch zunehmend anstrengend und auch ihre naiven Einstellungen und Erwartungen in ihrer Collegezeit finde ich sehr egoistisch und verzogen. Besonders kommt dies jedoch in einer ihrer folgeschwersten Entscheidungen zur Geltung, wodurch ich ein kleines persönliches Problem mit ihr hatte.
Am besten hat mir in diesem Buch jedoch Nathaniel gefallen. Denn Nathaniel ist nicht nur ein unglaublich angenehmer Charakter, sondern hält auch noch einige überraschende Wendungen für die Geschichte bereit, sie ich so nicht erwartet hätte. Er ist der Typ Mensch, auf den man sich immer verlassen kann und der trotz seiner unerwarteten Geheimnisse eine sehr sympathische Person ist. Obwohl der Leser bereits von Anfang an weiß, dass er zum Zeitpunkt der Geschichte schon gestorben ist, haben mich die Umstände seines Todes wirklich sehr berührt.
Auch Irina und Seth waren für mich zwei äußerst liebenswerte Charaktere, zu denen ich obwohl sie eigentlich nur Nebenfiguren waren, eine enge Bindung aufbauen konnte. Ich konnte mit ihnen mitfühlen und mitleiden, wodurch sie mir sehr ans Herz gewachsen sind.
Ich habe eine andere Dreierkonstellation erwartet, als ich das Buch begonnen hatte, doch was ich dann letztendlich bekommen habe, hat mir viel besser gefallen. Das Ende hatte für mich jedoch eine etwas unrealistische Stelle im Krankenhaus, die ich irgendwie unpassend fand. Ich denke, das hätte man auch anders lösen können. Allerdings vermute ich, dass die Autorin dem Leser nicht zu viel voraus nehmen wollte. Insgesamt denke ich aber, dass dieses Buch eine lesenswerte Geschichte für alle Fans von Familien- und Lebensgeschichten ist, die dazu noch einen realen historischen Hintergrund hat, ohne dabei jedoch zu geschichtlich zu werden.

vier

Buchvorstellung: Von Männern, die keine Frauen haben

Von Männern, die keine Frauen habenVon Männern, die keine Frauen haben
von Haruki Murakami
254 Seiten
Dumont Verlag
ISBN: 978-3-8321-9781-0

 

Endlich wieder ein neues Buch von Haruki Murakami! Diesmal ist es kein Roman, aber dafür eine wirklich neue Kurzgeschichtensammlung, die selbst im Original erst dieses Jahr erschienen ist.
Von was handelt das Buch? Sicherlich gibt der Titel dies schon sehr gut wieder. Die Hauptcharaktere entsprechen dem typischen Murakami-Stereotyp: männlich, meist ledig oder verlassen, entweder Studenten oder im mittleren Alter.
Da gibt es unter anderem einen Witwer, der sich nach ihrem Tod seiner Frau mit ihrer heimlichen Affäre anfreundet. Ein Student, der die Freundin seines besten Freundes daten soll. Ein im Leben stehender und gefestigter Mann, der sich plötzlich doch in eine seiner vielen unverbindlichen Affären verliebt und daran zu Grunde geht. Ein anderer Mann lässt sich von seiner Frau scheiden und eröffnet eine Bar, was ihn in eine undurchschaubare verworrene Situation bringt. Und es gibt einen Mann, der nicht weiß wer oder was er war, bevor er in einem Bett aufgewacht ist und kurz darauf Besuch von einer jungen buckligen Schlosserin bekommt.
Es geht ums Verlassen, Verlassenwerden, Betrügen, Verlieben und sehr oft um die Suche nach etwas bestimmten im Leben, was oft nicht genau definierbar und greifbar ist. Es ist auf jeden Fall eine gute Mischung von allem: Nachdenkliches, Surreales, Unterhaltsames und Spannendes.
Meine persönlichen Lieblingsgeschichten sind „Scheherazade“ und „Kinos Bar“, diese Kurzgeschichten hätten auch das Potential nochmal fortgeführt zu werden genau wie „Samsa in Love“, welche mit Abstand die merkwürdigste Geschichte in diesem Sammelband ist.
Wer sonst auch lieber längere Romane liest, kann vielleicht mit diesem Buch etwas die Zeit überbrücken bis hoffentlich bald der nächste Roman herauskommt. Es lohnt sich! In diesen Geschichten steckt 100% Murakami in all seinen Facetten.

vierkommafünf

Buchvorstellung: Heilige Mörderin

heilie mörderinHeilige Mörderin
von Keigo Higashino
316 Seiten
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-98012-7

 

Yoshitaka Mashiba will sich von seiner Frau Ayane nach nur einem Jahr Ehe trennen, da sie bis dahin noch nicht schwanger geworden ist. An dem darauf folgenden Wochenende fährt Ayane zu ihren Eltern. Währenddessen wird ihr Mann von ihrer Angestellten Hiromi Wakayama tot in der Wohnung aufgefunden. An dieser Stelle übernimmt Kommissar Kusanagi die Ermittlungen. Er wird unterstützt durch seine junge Kollegin Kaoru Utsumi und seinen alten Studienfreund und Physik Professor Yukawa. Es stellt sich relativ schnell heraus, dass Mashiba durch eine Arsenintoxikation gestorben ist. Ab hier beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zur Überlistung des Mörders und Ayane Mashiba als auch Hiromi Wakayama geraten schnell ins Fadenkreuz der Ermittlungen.

Dieses Buch ist genau wie sein Vorgänger aufgebaut. Man kann sich auf ein Wiedersehen mit Kusanagi und Yukawa freuen und der Leser weiß gleich am Anfang der Geschichte, wer der Mörder ist und kennt bis zu einem gewissen Grad auch das Motiv.
Während die Ermittler dem Mörder immer weiter auf die Spur kommen, erfährt man Schritt für Schritt die ganze Geschichte, die sich dahinter verbirgt.
Ich finde die Kriminalromane von Higashino sehr überzeugend und klug aufgebaut. Es ist sehr spannend zu lesen, wie die Polizei sich an die Aufklärung des Mordes herantastet. Dabei taucht man als Leser tief in die verschiedenen Denkweisen und Hypothesen ein. Dass man bereits am Anfang weiß, wer der Mörder ist, stört dabei überhaupt nicht. Das Buch lebt vor allem durch die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der verschiedenen Ermittler, deren Diskussionen und dem Überprüfen ihrer Hypothesen. Ich habe die ganze Zeit sehr genau gelesen, weil ich immer das Gefühl hatte, dass hinter jedem Detail des Rätsels Lösung stecken könnte. So schafft es Higashino auch bei diesem Roman wieder, den Leser so einzubeziehen und ihn zum Mitdenken anzuspornen, als gehöre man selber zum sympathischen Ermittlerteam.
Ich habe bis zur letzten Seite mitgefiebert und kann dieses Buch jedem empfehlen, der eine sehr gut aufgebaute, strukturierte und komplexe Kriminalgeschichte zum Miträtseln zu schätzen weiß, die ohne Blut und Gewalt auskommt.
Dieser Roman konnte mich noch mehr überzeugen als bereits „Verdächtigte Geliebte“.

fünf

Buchvorstellung: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

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Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

von Haruki Murakami

318 Seiten (gebunden)

DuMont Buchverlag

ISBN: 978-3-8321-9748-3

 

Auf dieses Buch habe ich mich besonders gefreut. Sobald es angekündigt wurde habe ich es sofort vorbestellt und nach der Erscheinung, so schnell es ging, verschlungen. Haruki Murakami ist seit Jahren einer meiner absoluten Lieblingsautoren und ich fieber jedem neuen Buch entgegen, noch bevor es geschrieben wurde.

Hier geht es um Tsukuru Tazaki. In seiner Schulzeit gehörte er einer Clique von insgesamt fünf Freunden an, in dessen Namen ausschließlich Farben vorkamen – Aka/rot, Ao/blau, Shiro/weiß und Kuro/schwarz. Die Ausnahme war Tsukuru, dessen Namen keine Farbe enthält. Er ist farblos und genauso fühlt er sich auch. Er erkennt an sich weder eine Besonderheit  noch ein besonderes Talent. Die Gruppe war in ihrer Jugend unzertrennlich bis Tsukuru beschließt als einziger sein Studium in Tokyo aufzunehmen. Alle anderen bleiben in ihrer Heimatstadt Nagoya zurück. Eine Zeit lang hält er regen Kontakt zu seinen Freunden und besucht sie so oft er die Gelegenheit hat. Sie bleiben weiterhin der Mittelpunkt seines Lebens bis sie eines Tages, aus heiterem Himmel und ohne Gründe zu nennen, den Kontakt zu ihm abbrechen. Tsukuru wirft dieser Vorfall gänzlich aus der Bahn, er geht weiter zur Uni und erledigt das nötigste aber darüber hinaus sitzt er in seiner Wohnung und sehnt sich danach zu sterben. Dieser Zustand geht einige Monate lang bis er sein Leben weiterlebt. Er lernt in dieser Zeit auch Frauen kennen, aber keine Beziehung hält länger. Dann trifft er Sara. Um die Chance zu bekommen mit ihr zusammen sein zu können, muss er die Geister seiner Vergangenheit vertreiben und den Abstand zwischen ihm und den Menschen, die ihm was bedeuten, wieder verringern und sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen.

Auch von diesem neuen Roman wurde ich nicht enttäuscht. Er lebt durch seinen beschreibenden Erzählstil, enthält wieder surreale Elemente, wenn auch vergleichsweise wenige, und macht nachdenklich. Es tauchen wieder geheimnisvolle Charaktere auf und verschwinden auch genauso lautlos wieder, aber nicht ohne Fragen offen zu lassen oder dem Protagonisten etwas auf den Weg mitzugeben. Dies gibt viel Spielraum für Spekulationen und genau das gefällt mir sehr gut. Das Ende lässt ein paar Fragen offen, was mich generell nicht stört, aber doch kommt es mir an dieser Stelle etwas zu abrupt. Für meinen Geschmack hätte dieser Roman generell etwas länger sein, aber ich denke, dass die Leser, die sonst gewisse Längen in seinen Geschichten kritisieren, an diesem Werk nichts zu bemängeln haben.

Auch wenn sein neuer Roman nicht an die Komplexität von Mr. Aufziehvogel oder 1Q84 herankommt, hat er mir sehr gut gefallen und ich kann ihn vorbehaltslos weiterempfehlen.

vierkommafünf