Buchvorstellung: Ehre

ehre2Ehre

von Elif Shafak

525 Seiten (gebunden)

kein und aber Verlag

ISBN: 978-3-0369-5676-3

In den 40er Jahren werden die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila in eine Familie eines kleinen kurdischen Dorfs in der Nähe von Istanbul hineingeboren. Sie wachsen unter sieben weiteren Schwestern auf nachdem ihre Mutter bei der Geburt ihres neunten Kindes verstarb. Pembe heiratet später, wandert mit ihrem Ehemann Adem nach London aus und bekommt drei Kinder, während Jamila unverheiratet bleibt und ein Einsiedlerleben als Hebamme in der Türkei führt. Die starke Verbundenheit ihrer Kindheit bleibt jedoch weiterhin bestehen. Der Stein wird ins Rollen gebracht als sich Adem in eine Tänzerin verliebt, für sie seine Familie verlässt und Pembe Elias, mit seiner offenen, verständnisvollen und gefühlvollen Art, kennenlernt und sie sich näherkommen.

In diesem Buch geht es um verwurzelte Traditionen in einer islamisch geprägten Gesellschaft, die kaum Platz für Liebe und Selbstverwirklichungen lässt und den Einfluss auf das Leben einer ganzen Familie. Sie werden von diesen alten Werten geprägt, gleichzeitig versuchen sie sich aber auch in die westliche moderne Welt einzuleben, was ihnen nicht so richtig gelingt.  Selbst die teils in England geborenen Kinder fühlen sich hin und her gerissen, wie zwischen zwei Stühlen, und haben es schwer ihren Platz zu finden. Jeder der drei Geschwister geht damit auf seine eigene Art und Weise um. Iskender fühlt sich zum neuen Familienoberhaupt berufen, ist mit dieser Situation jedoch überfordert. Esmas große Träume sind es Schriftstellerin zu werden und sich für die Menschenrechte einzusetzen, gleichzeitig fühlt sich im Zweispalt, als gehöre sie nicht zu der einen Seite aber auch nicht zu der anderen, dabei  strebt sie danach einfach beides gleichzeitig zu sein zu können. Diese Zweiteilung manifestiert sich bei ihr sogar physisch, was auch sehr einprägsam beschrieben wird. Yunus fühlt sich zu der Punkerin Tobiko hingezogen, die mit ihrer Gruppe aus Hausbesetzern ein selbstbestimmtes  Leben außerhalb der Gesellschaft führt.

Der Versuch der Erfüllung der traditionellen Männer- und Frauenrollen macht dabei fast alle Personen unglücklich und endet schließlich in einer so schweren Tat wie dem Ehrenmord. Es wird nach keiner selbstwussten und  selbstbestimmend lebenden Frau verlangt, sondern nach einer aufopfernden tugendhaften, die nie das Wort erhebt. Ein Mann muss strak sein, wird dafür wird nie in Frage gestellt und wenn er sich Fehltritte leistet wird darüber geschwiegen. Die Erwartungshaltung an Männer und Frauen kann aber immer weniger erfüllt werden und kollidiert mit den Entwicklungen in der westlichen Gesellschaft.

Besonders gut ist der Autorin der tiefere Einblick in die vielen verschiedenen beteiligten Personen gelungen, die sie dem Leser durch die ständig wechselnden Perspektiven nahebringt. So lernt man die Charaktere viel intensiver kennen und erlangt ein umfassenderes Gesamtbild, wobei man sehr gut nachvollziehen kann aus welchen Intentionen heraus wie sich die Situation so zuspitzen konnte.

Obwohl sehr viele Personen in dem Buch vorkommen sind die meisten Charaktere gut und greifbar skizziert, nur Elias war für mich etwas nichtssagend. Ich konnte auch die aufkeimende Beziehung zwischen ihm und Pembe nicht wirklich gut nachvollziehen, weil ich nicht verstanden habe, warum gerade sie ihn so fasziniert und beeindruckt hat oder was er in ihr sieht, aber dies ist mein einziger Kritikpunkt an der Handlung.

Mich hat dieses Buch sehr mitgerissen. Die Autorin hat einen wundervollen Schreibstil: nicht zu laut, immer auf den Punkt und trifft dabei immer den richtigen Ton. Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Mit einem kleinen Abzug gebe ich dem Buch 4,5 Sterne.

vierkommafünf

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